„Emmaus“ ist der Name einer 1982 von Karl Rottenschlager gegründeten Organisation: zunächst für die Integration von Haftentlassenen, in der Folge eine Gemeinschaft für sozial benachteiligte Menschen, heute auch für psychisch Kranke sowie für Flüchtlinge.
Im Gespräch mit Rudolf Walter wird eine lange Geschichte sichtbar, voller Schwierigkeiten. Die im Kern doch ganz einfach ist.

einfach leben: Demnächst wird wieder Ostern gefeiert, das christliche Hochfest. Dessen Sinn ist heute vielen fremd geworden. Was bedeutet Ihnen Passion und Auferstehung? Welche Rolle spielt „Ostern“ für Ihre Arbeit?

Karl Rottenschlager: Die allerzentralste! Wenn ich auf mein eigenes Leben schaue, in allem Scheitern und Gelingen, kann ich nur sagen: Ostern geschieht heute, immer noch, auch verborgen, mitten im Alltag. In meinem Leben ist es jedenfalls sehr wirkmächtig.

einfach leben: Ihr Leben ist ja ungewöhnlich verlaufen. Auch das Gefängnis spielt eine wichtige Rolle. Eigentlich sind Sie Theologe – und in der Sozialarbeit gelandet? Wie kam
das?

Karl Rottenschlager: Während meines Studiums der Theologie stieß ich auf die Briefe von Charles de Foucauld: „Hinabsteigen, hinabsteigen, auf den letzten Platz …“, hieß es da. Das
sprang mich an. Das Leben der Armen teilen, das wollte ich auch.

einfach leben: Und wie kamen Sie ins Gefängnis?

Karl Rottenschlager: Ich lebte, nach einer Ausbildung in der Sozialakademie, in einer WG, als ich davon hörte, dass in der Strafanstalt Stein – die größte Strafanstalt Österreichs, in der Nähe von Krems, wo viele Langzeitstrafen vollzogen werden –, ein Sozialarbeiter gesucht wurde. Als es hieß: „Es meldet sich niemand“, war mir klar: Das ist dein Platz! Neun Jahre war ich auf dieser Stelle. Keine leichte Arbeit. Vor allem Krisenintervention: Gewalt, Konflikte, Vergewaltigungen … Und Entlassungsvorbereitung. Wir waren damals, Mitte der
1970er Jahre – in ganz Österreich! – 19 Sozialarbeiter für 9000 Inhaftierte in den Strafanstalten des Landes. Zwei von drei, die aus der Haft entlassen wurden, hatten in der Regel am Tag der Entlassung weder Arbeit noch Quartier. Der programmierte Rückfall! Weltweit gilt heute noch, was für uns damals Realität war: 75 bis 80% der Haftentlassenen werden rückfällig. Die Biographien der Gefangenen ähneln sich: Vater unbekannt. Nur dunkle Erinnerungen an die Mutter aus frühester Kindheit. In ein Heim abgeschoben. Die Heimkarriere geht nahtlos über in die Gefängniskarriere, ins Jugendgefängnis. Andere landen in der Prostitution. In den 1980er Jahren gab es 7 700 Heimkinder, heute leben in
Österreich 11 300 Kinder nicht bei ihren Eltern, also in Heimen, therapeutischen Wohngruppen oder Pflegefamilien: Symptom für eine kranke Gesellschaft.

einfach leben: Sie haben dann einen entlassenen Häftling bei sich aufgenommen. Wieso?

Karl Rottenschlager: Einer der Justizbeamten hat mich damals aggressiv gefragt: „Herr Rottenschlager, wenn Sie wirklich so überzeugt sind, dass diese „Gfraster“ alle einen guten Kern haben, dann nehmen Sie sie doch bitte mit nach Hause!“ „Gfrast“ nennt der Wiener
etwas, was kaputt ist und nicht funktioniert. Angewandt auf Menschen: schlimm und minderwertig. Die Frage war zynisch gemeint. Aber meine spontane Reaktion war: Vielleicht ist es verrückt? Aber vielleicht stellt mir, durch ihn, Christus die Frage: „Bist du wirklich bereit, mit diesen Ausgegrenzten letztlich dein Leben, auch dein Privatleben zu teilen? Mit allen Konsequenzen?“ Ich sagte mir: Eigentlich hat er Recht. Und ich habe es getan. Das ist der Beginn meiner Geschichte mit „Emmaus“.

einfach leben: Wie lief das konkret ab?

Karl Rottenschlager: Es begann mit der Standortsuche für eine Wohngemeinschaft. 1979 bin ich in der Nähe von St. Pölten fündig geworden. Aber als wir der Gemeinde das Projekt in einer Podiumsdiskussion vorstellten, gab es Reaktionen wie: „Wir bräuchten für dieses Gesindel wieder einen kleinen Hitler.“ Oder: „Diese Menschen sind ein Geschwür am Körper der Gesellschaft und dieses Geschwür gehört eliminiert!“ Wir haben dann dieses Projekt abgesagt. Und anderswo hörten wir: „Super, was ihr wollt. Aber bitte nicht bei uns!“

einfach leben: Was gab Ihnen den Mut, weiterzumachen?

Karl Rottenschlager: Damals sagten die Freunde aus unserem Gebetskreis: „So schnell geben wir nicht auf. Und wenn es im Plan Gottes ist, dann wird es etwas.“ Da war ich dabei. Ich wollte freilich kein Obdachlosenasyl, sondern eine kleine, überschaubare Gemeinschaft, wo Haftentlassene unter familienähnlichen Bedingungen leben. Ich habe dann 1982, mit Mitteln des Freundeskreises, ein Haus angemietet. Und 15 Monate lang faktisch nur von der Vorsehung gelebt. Mein Caritas-Gehalt von 7.700 Schilling war das Taschengeld für uns alle, die Gäste eingeschlossen. 22 Gäste haben insgesamt im ersten Jahr bei uns gewohnt.

einfach leben: Gab es vorher, bei Ihrer Arbeit im Gefängnis schon Schlüsselerlebnisse, die Sie auf den Weg gebracht haben?

Karl Rottenschlager: In der Tat: Ich habe einmal einen Gefangenen gefragt, nach elf Jahren Haft, einen Tag vor der Entlassung, ein echter Wiener Strizzi: „Robert, was haben wir bewirkt mit den elf Jahren Stein?“ Seine Antwort: „Ich bin vollgepumpt mit Hass. Der Häfen (die Haftanstalt) ist eine Schule des Hasses.“ Ich frage ihn: „Was braucht der Gefangene?“ Dann sagte er wie aus der Pistole geschossen, und er war nicht das, was man in Österreich einen Weihwasserfrosch oder einen Kerzlschlucker nennt, also keiner, dem fromme Reden über die Lippen kamen: „Eine Schule der Liebe“. Da war für mich klar: Wenn etwas entstehen soll wie eine Lebens- Wohn- und Arbeitsgemeinschaft mit Ausgegrenzten, dann soll das letztlich eine Lebensschule sein. Und im Grunde genau das: eine Schule der Liebe. Wenn sie nicht aufgefangen werden, kommen diese Menschen, die vollgepumpt mit Hass aus dem Gefängnis entlassen werden, sehr schnell wieder zurück.

einfach leben: Gab es gewisse Grundregeln oder Prinzipien für Ihren Plan?

Karl Rottenschlager: Mir war klar, wie wichtig es ist, durch das gemeinsame Wohnen, durch das Mitleben, durch die Arbeitsgemeinschaft und die Tischgemeinschaft zu einer wirklichen Gemeinsamkeit zu kommen. Liebe und Kompetenz – wie anders können diese tiefen, seelischen Verletzungen heilen? Ar- beit, Wohnung, klare Regeln – Hoffnung, das ist wichtig. Aber wie geht Verwandlung? Die Kurzformel für mich ist: Ohne Versöhnung keine Heilung.

einfach leben: Sie nennen die Bewohner von Emmaus „Gäste“. Wieso?

Karl Rottenschlager: Das biblische Wort vom Gast meint ja: Gott selber klopft an. Und im Hebräerbrief steht: „Ohne es zu wissen, habt ihr Engel beherbergt.“

einfach leben: Gab es nicht auch Konflikte?

Karl Rottenschlager: Natürlich, immer wieder. Aber das Thema ist ja gerade: dass und wie man Konflikte gewaltfrei und ruhevoll löst. Wir brauchen jedenfalls bis heute nur ganz selten die Polizei. Und das obwohl schon mehr als 11.000 Menschen bei uns „durchgegangen“ sind. Die Zahl der Vorbestraften liegt bei 45 %, zusammengerechnet sind das 10.000 Jahre Haft. Unsere Arbeit hatte auf lange Sicht auch gesellschaftliche Auswirkungen, weit über Emmaus hinaus. Die Kriminalitätsrate ist bei uns in St. Pölten eine der niedrigsten in Österreich.

einfach leben: Wie kam es zu der Selbstbezeichnung „Emmaus“?

Karl Rottenschlager: Als am Ostermontag 1982 im Gottesdienst die Geschichte vom Weg des Auferstandenen mit den nach dem Kreuzestod Jesu enttäuschten, verzweifelten Jüngern gelesen wurde, wurde mir schlagartig klar, dass „Emmaus“ heißt: Hoffnung für Menschen, die keine Hoffnung mehr haben. Durch das Brechen des Brotes, die Tisch- und Mahlgemeinschaft gingen ihnen damals die Augen auf: Sie erkannten den auferstandenen Jesus, konnten voll Hoffnung weiterleben. Das war ja unser Programm. Und auch unsere Hoffnung. Und auch ich selber wäre in dem Ozean von Leid und Hass zugrunde gegangen oder verzweifelt, hätte ich nicht selber diese Oster-Erfahrung gemacht: Es gibt Schuld, Sünde und Tod. Aber sie haben nicht das letzte Wort. Tod und der Auferstehung Jesu sind für mich der eigentliche Grund dafür, dass ich überzeugt bin: Es gibt keine hoffnungslosen Fälle!

einfach leben: Welche konkrete Hoffnung verbindet sich für Sie mit dem Auferstehungsglauben?

Karl Rottenschlager: Auferstehung bedeutet in einem ganz radikalen und einfachen Sinn: Alles. Das ganze Leben. Im sechsten Semester meines Theologiestudiums habe ich bei einem Besinnungstag mitgemacht. Als Impuls stellte der Leiter uns die Frage: „Was wäre in deinem Leben anders, wäre Jesus nicht auferstanden?“ Ich war damals ein ziemlicher Revoluzzer, 1968 war ich vier Wochen in Paris bei den Unruhen dabei. Ich war voller Ungeduld, wollte die Gesellschaft, die Kirche, die Welt verändern. Und jetzt stellt der diese Frage! Mir hat es damals die Schuhe ausgezogen. Und auf einmal habe ich verstanden: Was in der Auferstehung passiert ist, ist eigentlich die Revolution. Der Auferstandene ist nicht nur im Wort, im Brot. Er ist in jedem Menschen präsent. Er stellt uns heute die Frage: Liebst du mich? Ich wusste plötzlich: Das ist die Botschaft. Und sie hat Konsequenzen für mein Leben, für mein Verhältnis zu den Mitmenschen: „Wie Gott mir, so ich dir.“ Das ändert alles.

einfach leben: Bringt das nicht permanenten Stress: die tägliche Konfrontation mit so vielen Konflikten, ein Leben mit so drastischer Not?

Karl Rottenschlager: Ich versuche, jeden Tag im Augenblick das Mögliche zu tun. Und den Rest kippe ich in der Eucharistie in diese „Deponie“ der göttlichen Barmherzigkeit. Mit der Bitte um Verwandlung. Dann wird „Kommunion“ möglich, auch mit den Ausgegrenzten, die natürlich extrem provokant sind. Jean Vanier hat mir einmal gesagt: „Jede Provokation ist ein Schrei nach Liebe.“ Wenn ich das so sehe und wenn ich die Menschen – ob das ein Politiker oder ein 17 Mal Vorbestrafter ist – mit dem Blick der Liebe, sozusagen mit den Augen Jesu, anschaue, sehe ich in ihnen den verwundeten Jesus, aber auch schon den Keim der Auferstehung. „Der Auferstandene ist Sieger über Schuld, Sünde und Tod“. Sr. Emmanuelle von Kairo hat das gesagt. Es ist auch meine Erfahrung.

einfach leben: Aber viele dieser Menschen, die Sie begleiten, leiden doch unter Perspektivlosigkeit, Verzweiflung.

Karl Rottenschlager: Ich musste viele, auch junge Menschen begleiten, oft schwer Suchtkranke, die zu uns kamen und nicht lange lebten. Ich muss oft auch den Nachruf bei Beerdigungen machen, weil es bei obdachlosen Menschen kaum Angehörige gibt. Wenn ich glaube: Jeder ist Tempel Gottes, jeder hat eine einmalige und unzerstörbare Würde, – dann kann ich auch am Grab eines Menschen, der nach unseren Maßstäben gescheitert ist, einen Nachruf machen, wo ich für ihn danke. Weil der Blick der Liebe Jesu mir diesen Menschen ganz anders zeigt. Das verharmlost nicht die schlimmen Dinge, auch nicht das Unrecht, das er begangen hat. Zentral ist der Satz: „Du bist geliebt.“

einfach leben: Die Mehrheit in der Gesellschaft reagiert nicht so. Viele empfinden eher Angst, gehen auf Distanz …

Karl Rottenschlager: Das Bild vom „Geschwür“ sagte es schon: Das sind die Leprosen von heute. Sind das Sündenböcke, auf die man die eigenen negativen Möglichkeiten projizieren kann? Warum wird aber im Namen Gottes Böses getan? Der Jesuit Raymond Schwager sagt: weil das Böse sich als Engel des Lichtes tarnt. „Ihr glaubt Gott zu dienen, wenn ihr Propheten mordet“, heißt es in der Bibel. Diese Einsicht habe ich brauchen können im Gespräch mit Muslimen, die aus den Kriegsgebieten kommen und jetzt bei uns sind. Menschen, die nur Gewalt und Krieg kennen, die ihnen mit religiöser Verbrämung entgegenkamen und die jetzt innerlich voll von Hass sind.

einfach leben: Wie kamen Sie mit denen in Kontakt?

Karl Rottenschlager: Die unbegleiteten jungen Flüchtlinge waren mir immer ein großes Anliegen. Wir haben daher in Emmaus über 200 aufgenommen. Von den 11 000 Gästen waren über 1 700 Flüchtlinge, die aus 64 Nationen stammen, fast alle aus Kriegsgebieten.

einfach leben: Können Sie ein Beispiel erzählen?

Karl Rottenschlager: Da ist etwa Ahmeds lange Geschichte. Durch seine Geschwister, die in einem pakistanischen Flüchtlingslager leben, hat er erfahren: Seine Mutter war gestorben, ein Jahr später hat er den Vater verloren. Ahmed hat sich mehrfach die Pulsadern aufgeschnitten, mit hohem Blutverlust, und sich immer wieder schwere Selbstbeschädigungen zugefügt. Sein großes Trauma: dass er nicht beim Begräbnis sein konnte und zudem als Ältester von vier Geschwistern die Verantwortung für die anderen hatte. Ich habe ihn immer wieder im Krankenhaus und in der Psychiatrie besucht. Und bei einem dieser Besuche zeigt er mir auf dem Handy ein Kurzvideo von der Hinrichtung eines Hazari durch Paschtunen, die mehrheitlich mit den Taliban sympathisieren. Die Hazaris waren immer Außenseiter und Verfolgungen durch die Mehrheitsstämme ausgesetzt. Man sah auf dem Video, wie das Opfer gefesselt wird wie ein Schaf: Der Mann liegt auf dem Boden, einer schneidet seine Pulsadern durch. Und im Hintergrund hört man religiöse Gesänge und die lauten Rufe: „Allahu akbar. Gott ist groß. Gott ist groß.“

einfach leben: Wie kann man da reagieren?

Karl Rottenschlager: Ich sagte zu Ahmed: „Stopp! Das will Gott nicht!“ Und: „Auch wir Christen glauben, dass Gott der Allerbarmer ist. Aber auch, dass Gott die Liebe ist. Gott liebt alle, seine Liebe schließt niemanden aus.“ Ahmed starrte mich an und fragte mich fünfmal: „Was? Gott ist die Liebe?“ Ich habe es viermal wiederholt. Er darauf: „Das gibt es nicht!“ Es war, als ob die Hauptsicherung durchgebrannt wäre. Daraufhin habe ich geantwortet: „Ich stelle mir das so vor: Gott lässt die Sonne aufgehen über deinem Stamm der Hazaris. Und er lässt die Sonne aufgehen über dem Stamm der Paschtunen. Er ist wie Vater und Mutter. Er liebt alle.“ Ahmed war völlig urcheinander, geschockt und begeistert. Um Ahmeds Geschichte kurz weiterzuerzählen: Nach einiger Zeit lud er mich zu einer muslimischen Totenfeier für seine Eltern in Wien ein. Und unter den Gästen waren auch Paschtunen. Natürlich gelingt so etwas nicht immer, und auch nicht im ersten Anlauf. Aber das sind die zentralen Fragen: Wie verändern wir Hass? Wie gelingen Versöhnung und Vergebung?

einfach leben: Das ist freilich unglaublich schwierig. Sie haben einmal gesagt: „Es genügt nicht mehr, ein guter Christ zu sein. Unsere zerrissene Welt braucht Heilige.“ Ist das nicht viel verlangt?

Karl Rottenschlager: Mutter Teresa sagt einmal: Heiligsein heißt alles ausräumen, was nicht aus Gott ist – um frei zu werden für die Liebe. Unser Leitbild für „Emmaus“ besagt: Jedes Leben ist unendlich kostbar. Jeder ist heilig. Auch ein Mensch, der rückfällig ist. Damit umzugehen, ist bei Emmaus unser tägliches Brot. Ich bete beim Vaterunser: „Gib uns unsere tägliche Schwierigkeit, aber verwandle du sie!“

einfach leben: Letztlich geht es um die Frage, ob und wie Gemeinschaft mit den Schwachen und Randständigen möglich wird.

Karl Rottenschlager: Heute gehören die psychisch Kranken zur größten Zielgruppe bei Emmaus. Auch vor denen hat die Gesellschaft Angst. Man braucht sie nicht. Der Schriftsteller Ilja Trojanow sagt einmal: „Die Schattenseite der Überflussgesellschaft ist der überflüssige Mensch“. Mein Eindruck ist: Wir stehen heute an einer Weggabelung. Ein Weg führt in die solidarische Kultur, der andere in Richtung Sozialdarwinismus. Der braucht nur Leistungsfähige und zielt auf die Entsorgung der Unproduktiven. Die Vorstellung vom lebensunwerten Leben sitzt ganz tief, immer noch, auch in unserer Gesellschaft. Es ist paradox: 75 bis 80 % der Menschen, mit denen ich zu tun habe, gerade die Verletzten und Zukurzgekommenen, sind von diesen Gedanken infiziert. Sie sind zutiefst davon überzeugt, dass wir wieder einen starken Mann brauchen, der es denen da oben mal zeigt. Obwohl sie selber zu den Fußkranken gehören, hinken sie dieser Ideologie gerne nach. Gerade bei dieser Anfälligkeit ist es wichtig zu sagen: Stopp! Jeder ist gleich wertvoll. Jeder ist Tempel Gottes.

einfach leben: Von dieser Einsicht zur Praxis – kein leichter Weg …

Karl Rottenschlager: Die Prüfungsfrage am Ende des Lebens wird lauten: „Wie viel hast du geliebt?“ Und um das zu verwirklichen, braucht es viele kleine Anstrengungen. Aber es ist nichts Großartiges, keine „Leistung“, bei aller Anstrengung und trotz aller Durchhänger. Tatsache ist doch: Er hat uns zuerst geliebt. Was wir tun, ist nur eine Antwort.

Das Interview mit Karl Rottenschlager lesen Sie in der April-Ausgabe von „einfach leben. Ein Brief von Anselm Grün, April 2020“
www.einfachlebenbrief.de

Karl "Charly" Rottenschlager, Gründer der Emmausgemeinschaft St. Pölten

Foto: M. Böswart