28. Dezember 1991: Wolfgang, damals 36 Jahre alt, kaufmännischer Angestellter, beruflich erfolgreich, doch seit Jahren „Problemtrinker“, wird in der Emmaus-Notschlafstelle Kalvarienberg aufgenommen. Die Unterkunft: ein Mehrbettzimmer, das er mit anderen Alkoholabhängigen teilt.

Wolfgang ist schockiert. „Hier bleibe ich nicht!“ Er fürchtet, nie mehr aus diesem Elend herauszukommen, muss sich aber eingestehen: „Allein schaffe ich es nicht, vom Alk loszukommen, ich brauche Hilfe …“

So bald es geht, wechselt er ins Wohnheim Herzogenburger Straße. Am ersten Tag entdeckt er im Gemeinschaftsraum einen Satz, mit dem er sich schwer tut: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Sein Kommentar: „Wie soll ich andere lieben, wenn ich mich selber nicht annehmen kann, mich an manchen Tagen sogar hasse!“

Für ihn auch schwierig: Emmaus ist alkohol- und drogenfreie Zone. Einige Zeit schafft er es, auf Alkohol zu verzichten. Tagsüber arbeitet er im Küchenteam des Wohnheimes mit. Die Kollegen schätzen seine ausgezeichneten Kochkünste und seinen Humor. Doch quälen ihn, neben den Entzugserscheinungen, immer wieder auch depressive Verstimmungen.

Flüchten oder Standhalten

1993: Wolfgang hält die Belastungen am Arbeitsplatz in der Wohnheim-Küche immer weniger aus, Schlafstörungen und Existenzängste nehmen wieder zu und er beginnt heimlich zu trinken. Schließlich stürzt er völlig ab und betäubt sich mit 3–4 Litern Rotwein am Tag.

Bei Emmaus droht ihm der Verlust seines Wohn- und Arbeitsplatzes. Gravierende gesundheitliche Probleme tauchen auf und die Frage: Hat mein Leben überhaupt noch Sinn? Werde ich es jemals schaffen? Wolfgang quälen Versagensängste, Schuldgefühle und Depressionen. In dieser Krise begegnet er Franz, einem nach 14 gescheiterten Entwöhnungen nun trockenen Alkoholiker, der bei Emmaus in der Tischlerei arbeitet. Franz wird Vorbild und Begleiter für Wolfgang, der sich nun für eine Langzeittherapie bei Prof. Reinhard Haller im Krankenhaus Maria Ebene in Vorarlberg entscheidet. Prof. Haller lockt den zunächst völlig blockierten, ängstlichen und verschlossenen Wolfgang aus der Reserve. Eines Tages explodiert Wolfgang und schreit all seinen Frust und seine Aggressionen heraus. Für ihn ist diese Erfahrung ein Schlüsselerlebnis. Die dreimonatige Therapie wird zur Lebenswende und ist der Anfang eines erstaunlichen Heilungsprozesses.

„Es geht auch ohne Hass, ohne Bitterkeit und ohne Alkohol.“

Zurück im Wohnheim Herzogenburger Straße ist Wolfgang kaum wiederzuerkennen. Zunächst arbeitet er 18 Monate im Team des Hauses als Küchen-Assistent. Ab 1996 kocht Wolfgang im Wohnheim Viehofen. Die ihm übertragene Verantwortung lässt ihn aufblühen. Ein ausgezeichnetes Küchenteam entsteht, das auch zu einem stabilisierenden Faktor im Wohnheim wird. Nebenbei betreut er am Areal Viehofen die Blumen und das Biotop und pflegt in der Herzogenburger Straße den Garten des Wohnheims.

Wolfgang hat viel Zuwendung und Wertschätzung erfahren, die er nun weitergibt. Wer seine Hilfe sucht, mit dem setzt er sich zusammen. Im Lauf der Jahre versöhnt er sich auch mit seinen Geschwistern. Wolfgang rückblickend: „Es geht auch ohne Hass, ohne Bitterkeit und ohne Alkohol.“

2015 geht Wolfgang in Frühpension. Allen körperlichen Beschwerden und seelischen Krisen zum Trotz bewahrt er seinen unverwüstlichen Humor und wird für viele neue Emmaus-Gäste zu einem wichtigen Begleiter. Immer wieder motiviert Wolfgang Suchtkranke zu einer stationären Therapie – bis heute. Und wird so zum Freund und Lebensretter.