Eine Geschichte über das „Schaffen“

Julia* ist 22. Sie macht eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau im Bereich Garten. Was belanglos klingt, ist in Wahrheit Errungenschaft eines herausfordernden Weges.

Julia hat einen starken Willen und einen ebensolchen Wunsch: „Ich möchte ein ganz normales Leben führen, durch meine eigene Arbeit für mich selbst sorgen können und eigenständig leben.“ Doch für Julia ist das nicht so einfach. Der Grund ist ein bewegtes Leben und eine psychische Erkrankung. Das erste Mal in einem psychiatrischen Krankenhaus ist Julia schon mit 14. Ihr Umfeld und die ÄrztInnen nehmen sie als impulsiv, abhängig und emotional-instabil wahr. Eine Depression wird diagnostiziert, eventuell auch eine Schizophrenie. Julia schließt die Pflichtschule verspätet ab, Versuche, eine Lehre zu machen, scheitern. Drei Mal will Julia ihr Leben beenden. 2015 hört sie im Krankenhaus Mauer von der Emmausgemeinschaft. Sie startet in der Kochwerkstatt und kommt auch hier an ihre Grenzen. Emmaus-intern wechselt sie nach einem halben Jahr in die Tagesstätte Projekt & Design, wo sie drei Jahre lang intensiv an sich selbst arbeitet und auch begleitet wird. Sie lernt, ihre Befindlichkeit zu beeinflussen und selbst wirksam zu werden. Der Weg ist von Höhen und Tiefen geprägt. So stark ist der Wunsch nach Normalität in stabilen Phasen, dass sie überfordert ist und sie das in die nächste Instabilität führt. Julia kämpft. Anders als früher weiß sie jetzt, woran sie arbeiten muss, redet darüber und holt sich Unterstützung.

„Ich möchte ein ganz normales Leben führen,durch meine eigene Arbeit für mich selbst sorgen können und eigenständig leben.“

Der erste Meilenstein in ihr „normales“ Leben ist für Julia der Führerschein. Dann macht sie verschiedene Praktika. Auch in der „echten“ Arbeitswelt erfährt Julia, was sie bei der Arbeit in der Tagesstätte erlebt. Mit ihren Kräften muss sie haushalten und an sich arbeiten, die ersehnte Normalität kommt nicht einfach so. Die Vision ihrer Zukunft begleitet Julia wie ein Stern, der ihr den Weg leuchtet. Türen, die vor ihrer Nase zufallen, halten sie nicht auf – sie sucht neue Wege.

Die Bewerbung für eine überbetriebliche Lehre beim Wifi verläuft positiv. Mit der Tagesstätte bleibt sie noch eine Weile vernetzt – bis zu einem halben Jahr ist dies möglich. Sie erprobt, wann sie den Absprung wagen kann. Erst jetzt versteht sie einiges von dem, was ihr in der Tagesstätte vermittelt wurde. Sie ist dankbar für die Unterstützung und die Bemühungen und weiß: „Mit mir war es nicht immer einfach.“

Das Emmaus-Stufenkonzept hat sie bei ihren Themen unterstützt, intensive Begleitung durch die Schwerpunktbetreuung erhalten. Ihr starker Wille hat sie da hingebracht hat, wo sie im Moment steht. Dass es nicht leicht wird, weiß Julia – egal. Noch immer ist nicht alles einfach, aber wie sie damit umgeht, hat Julia in ihrer Zeit bei Emmaus gelernt. So nah wie jetzt war sie ihrem Wunsch nach normaler Arbeit noch nie. Der erste Berufsschulblock hat bereits gestartet. Bisher läuft es gut.

*Name geändert