Ich hab kein Licht mehr gesehen

Als Renate zur Welt kommt, sind ihre Eltern überfordert. Immer wieder beziehen sie und ihre Geschwister Schläge. Schon als Kind wird bei Renate ein Problem im Gehirn festgestellt. Daraufhin kommt sie mit vier Jahren für zwei Wochen in die Kinderpsychiatrie. Kurz darauf beginnt sie sich selbst zu verletzen. Sie beißt und kratzt sich und reißt sich die Haare aus, weil sie „zornig“ auf sich selbst ist. Warum, weiß sie nicht. Mit sechs wird bei ihr ADHS diagnostiziert.

In der Schule wird Renate immer wieder gemobbt – von MitschülerInnen und der Lehrerin. Im Alter von 14 Jahren kommt sie erstmals in eine Psychiatrie.

Tief verletzt

Zuhause schlägt ihre Mutter sie und schreit sie an. Wenn Renate „schlimm“ ist, erhöht die Mutter eigenmächtig die Dosis des ADHS-Medikaments. Bei der Schulpsychologin wird die Familiensituation erstmals öffentlich. Nach weiteren Vorfällen droht das Mädchen gegenüber einer Sozialarbeiterin: „Entweder ihr gebt mich ins Heim, oder ich bring mich um!“

Mit 15 kommt Renate auf die heilpädagogische Station in Hinterbrühl. In diese Zeit fällt die Diagnose „Borderline“. Eines Tages nimmt eine Mitbewohnerin sie beiseite: „Schau her, unter meinem Verband. Ich habe mich geritzt.“ Die „Lösung“ für Renate! Auch sie fängt an, sich zu ritzen. Und kommt dabei in einen besonderen Zustand. „Nur ich und die Welt.“ Sie ritzt sich immer öfter und tiefer und muss genäht werden. Auch Suizidversuche kommen dazu. Für sie wird die Psychiatrie fast zu einem zweiten Zuhause.

Renate beginnt ein Buch zu schreiben, über ein Mädchen, das von ihrer Mutter geschlagen wird und ins Spital muss. Ein Mädchen, das irgendwann auch einen Freund und ein Kind hat …

Schließlich kommt Renate in ein Zentrum für ess- und persönlichkeitsgestörte Menschen nach Kärnten. Nach weiteren Episoden wird sie auf eine geschlossene Station in Klagenfurt gebracht. Sie ist so angespannt, dass sie im Bett fixiert werden muss. Und Renate bekommt ein neues Medikament gespritzt. Da nimmt ihre Impulsivität ab, und sie fühlt sich zum ersten Mal leichter und weniger angespannt.

„Sie waren sehr geduldig und haben mir in Situationen geholfen, in denen ich kein Licht mehr gesehen habe, sie aber schon.“

Neues Leben

Renate kehrt nach NÖ zurück und kommt 2013 zu Emmaus ins Frauenwohnheim. Noch ein Jahr lang ritzt sie sich. Dann, Ende August 2014, schafft sie es „mit Emmaus und meinem Glauben an Gott“, sich nicht mehr selbst zu verletzen. Bis heute. Den Emmaus-MA ist Renate nur dankbar. „Sie waren sehr geduldig und haben mir in Situationen geholfen, in denen ich kein Licht mehr gesehen habe, sie aber schon.“ Das ist jetzt über vier Jahre her. Heute arbeitet Renate in der Textilwerkstatt, fühlt sich dort wohl und gut betreut. Auch das Verhältnis zu ihren Eltern ist viel besser. Und: „Ich habe einen Gott, dem ich alles sagen kann, wenn ich traurig bin und er unterstützt mich auch super.“

Vor drei Jahren war Renate wieder im Krankenhaus Ybbs zur Traumatherapie. „Alle, die mich gesehen haben und von früher her kannten, sagten: >Oh Gott, die Frau Cerny*…< Sie kannten mich ja nur, wenn ich durchgedreht bin. Aber jetzt: >Sie haben sich um 180 Grad gewendet<“. Und die Freude über Renate war groß …

*Name geändert

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