Am Tiefpunkt reißt Betty das Steuer ihres Lebens herum

Geborgen und behütet wächst Betty in Wien auf. In der Volksschule ist ihr Zwillingsbruder besser. Betty hat große Minderwertigkeitskomplexe. Nach der Matura wird sie Sekretärin in einer großen Bank – ein Horror. „Für die war ich nur eine Tippse und Kaffeebringerin.“ Betty kündigt. Sie hat Depressionen, Kreditschulden und ihr Freund betrügt sie. Bruder und Freunde hingegen sind fest liiert und wollen heiraten. „Das hat mich erdrückt.“ Mit Ende 20 zieht sie der Liebe wegen nach Deutschland. Aber sie fühlt sich isoliert. Eines Tages schleudert Betty betrunken Teller an die Wand. Ihr Freund lässt sie in die Psychiatrie einliefern und wirft sie raus. Beim Flug nach Wien trinkt sie wieder. Ihr Vater, selbst alkoholkrank, merkt, was los ist: „Mach nicht den gleichen Scheiß wie ich!“ Aber Betty ist am Ende und trinkt weiter – 10 Bier am Tag. Sie lebt von der Notstandshilfe, vernachlässigt Freunde und Sport und wird immer dicker. Ihre Mutter kauft ihr Kleidung und zahlt den Mietrückstand.

Die anderen sind schuld

Kurz vor Bettys 30er stirbt ihr Vater an einer Leberzirrhose. „Da war es ganz krass. Ich vegetierte in meiner Wohnung vor mich hin und trank immer mehr.“ Ihr Leben ist ein Auf und Ab zwischen Sucht, Therapien und Rückfällen. Sogar auf die „Geschlossene“ kommt sie. Inzwischen lebt sie in St. Pölten. „Ich isolierte und bemitleidete mich. Alle anderen sind schuld, nur du nicht.“ Nach einer Delogierung steht sie auf der Straße. Sie bekommt Kontakt zu Emmaus am Kalvarienberg. 2009 wird Betty gleich mehrmals operiert und verliert fast ein Bein. Völlig verwahrlost landet sie in der Notschlafstelle des Frauenwohnheims. Den Alkohol versteckt sie.

Weihnachten 2009: „Ich saß im St. Pöltener Dom und heulte – der schlimmste Moment meines Lebens!“ Es sind Schuldgefühle ihren Lieben gegenüber, komplett versagt zu haben. Kurz vor Silvester trinkt sie alle ihre Flaschen leer. Sie kann nicht mehr, will ihr Leben wieder in den Griff bekommen und aufhören zu trinken. Im Februar lernt sie Michi kennen, auch er ein Emmaus-Gast. Kurz danach kommt sie nach Kalksburg. Michi besucht sie dort und kümmert sich um sie.

„Vor Kalksburg trank ich 6 Liter Wein am Tag“, erinnert sie sich. „Nach einer solchen Saufzeit dauert es 5 Jahre, bis man sich saniert hat – sozial, finanziell, gesundheitlich“, meint ein Primar. Nach 3 Monate ist Betty wieder im Frauenwohnheim. „Ein neues Leben beginnt“, sagt sie sich bei der Ankunft im Bahnhof St. Pölten.
Heute arbeitet sie als Köchin in Wien.

Rückblickend meint Betty: „Ohne das geschützte Umfeld und die Unterstützung des FWH hätte ich das nicht geschafft. Und auch ohne Michi wär‘ das nix geworden.“
Seit 10 Jahren sind sie zusammen. Bald wollen sie heiraten.

Betty mit ihrem Michi

Foto: privat