„Dass ich jemals 30 Jahre alt sein würde, hätte ich niemals gedacht.“

„Dass ich jemals 30 Jahre alt sein würde, hätte ich niemals gedacht.“

Gastgeschichte aus dem Rundbrief

Der 3. Oktober 2023 – ein für den Herbst sehr heißer Tag. Und so ungewöhnlich, wie die Temperatur für diese Jahreszeit ist, so ungewöhnlich ist auch das Gespräch mit Philipp, einem Gast im Männerwohnheim Kalvarienberg.

10:30 Uhr im Männerwohnheim Kalvarienberg: Eine schwere Mischung aus unzähligen Zigaretten und deftigem Essen liegt in der Luft. Im dortigen „Saftbeisl“ parlieren die Gäste aus dem Wohnheim und die „Laufkundschaft“ des Tageszentrums lautstark über Gott und die Welt.Auch Philipp ist unter ihnen. Bei der Begrüßung bietet er mir umgehend etwas zu trinken an, mit dem Zusatz: „Geht aufs Haus.“ Philipp ist ein großgewachsener, hagerer junger Mann, dessen jahrelanger Heroinkonsum unverkennbar an seinen Gesichtszügen abzulesen ist.
Gleich zu Beginn des Gesprächs werden mir aber dennoch seine Strahlkraft und überaus gute Laune an diesem Tag gewahr. Er schießt sofort los und erzählt, dass er gestern seinen 30. Geburtstag am „Berg“ feierte – ein Lebensjahr, von dem er eigentlich dachte, es aufgrund seiner Suchterkrankung niemals erreichen zu können. Wenn Philipp seine Gedanken verbalisiert und seine Lebensgeschichte vergegenwärtigt, spricht er sehr eloquent, manchmal auch hastig, wenngleich er die Wörter bedachtsam und wohlüberlegt auswählt.

Seine Biografie weist zahlreiche Parallelen zu anderen Drogenabhängigen auf: Von Kindheit an bis ins junge Erwachsenenalter war er mit tragischen Erlebnissen, die „emotionale Wunden“ hinterließen, konfrontiert. Als er 12 Jahre alt war, ließen sich seine Eltern scheiden. Damit endete seine Kindheit. Da er selbst aus dysfunktionalen Familienverhältnissen stammt, suchte er vorwiegend Kontakte zu anderen dysfunktionalen Kreisen. Einem dieser Kreise wohnten unter anderem auch Bekanntschaften bei, die Heroin und andere harte Drogen nahmen und damit auch dealten; daraus entstanden laut Philipp sogenannte „Konsumfreundschaften“.

Das Gefühl, das Philipp durch Heroin verliehen bekommt, lässt sich seiner Beschreibung nach mit dem Zustand eines Embryos im Mutterleib vergleichen: „Es fühlt sich wohlig warm an und in diesem geschützten Rahmen bin ich scheinbar wohlbehütet und keinerlei Gefahr ausgesetzt; Gefühle, die ich während meiner Kindheit nie kennenlernen durfte. Außerdem wird einem alles andere einfach wurscht“, fügt Philipp überzeugt hinzu. Auch die Tatsache, dass er sich durch diese Droge in die Obdachlosigkeit manövrierte, nimmt er relativ gelassen auf. Die Nachfrage, ob dies für ihn einen absoluten Tiefpunkt seines Lebens darstelle, verneint er und meint lapidar, da er dermaßen betäubt war, wären negative Gefühle für ihn einfach nicht greifbar gewesen.

Seine jüngere Schwester hat Philipp auf unsere Einrichtungen aufmerksam gemacht; so dockte er im Dezember 2020 erstmals in der Notschlafstelle an und ein paar Tage später war ihm ein Platz im Wohnheim Kalvarienberg zugesichert. Für ihn ein kleines, persönliches Weihnachtswunder. Seine Geschwister, eine jüngere Schwester und ein jüngerer Bruder, seien für ihn sehr wichtig – Kontakt habe er aktuell aber keinen. „In meinem derzeitigen Zustand möchte ich nicht, dass sie mich so sehen. Erst wenn ich wieder etwas stabiler bin, hoffe ich, einen festeren, regelmäßigen Kontakt aufrechterhalten zu können.“

Philipp hat ein klares Ziel vor Augen: „Momentan arbeite ich auf eine Stabilisierung hin, und irgendwann will ich drogenfrei leben.“ Drogenfrei bedeutet nach seiner Auffassung: Hie und da vielleicht einen Joint als Genuss und am Wochenende Alkohol, aber nur in eingeschränktem Maße. Heroin habe er schon über längere Zeit nicht konsumiert, gelegentlich rauche er aktuell aber Crystal Meth.

Auf die Frage, ob er die Entscheidung jemals bereute, nicht einen anderen Weg eingeschlagen zu haben, meint er klar: „Nein, die bereue ich wirklich nicht. Das Einzige, was ich bereue, ist Heroin ein paar Mal intravenös eingenommen zu haben. Das war eine Grenze, die ich eigentlich nicht überschreiten wollte. Sicherlich war es nicht der optimale Weg, aber auch die Drogenerfahrungen haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin“, so Philipp.

Rückfragehinweis

Stephanie Stadler, MA
stephanie.stadler@emmaus.at
0676/886 44 743

Rundbrief als Download

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